Leseprobe 4

Nun lernen wir endlich die Hauptperson Else Vogel kennen...

 

SEQUENZ 1.2

 

Zwischenzeitlich ist ein Jahr vergangen. Jörgs Tierarztpraxis ist etabliert. Wir befinden uns im Hause Else Vogel. Else schaut aus dem Wohnzimmerfenster. Sie hält einen Brief in der Hand und macht einen etwas missmutigen Eindruck. Jörg, Barbara, Alfred und Erwin kommen nachher hinzu.

Jörg kommt herein: Hallo Mutter! Wie geht´s? Wie steht´s?

Else: Ach, so durchwachsen. 

Jörg: Ich bin etwas spät dran. Wir haben heute in der Praxis noch einen kleinen Umtrunk gemacht wegen unseres ersten Jahrestages.

Else: Ich finde schon, du hättest das Ereignis gebührend feiern sollen. Ein Jahr hast du jetzt deine Tierarztpraxis, und alles läuft bestens... Prima! Großes Kompliment, mein Sohn!

Else umarmt Jörg.

Jörg: Aber Mutter, das habe ich doch auch dir zu verdanken! Ohne deine Unterstützung hätte ich das nie geschafft!

Else: Ja... Unterstützung... Darauf sind wir wohl bald angewiesen...

Jörg: Wie meinst du denn das, Mutter?

Else: Es ist ein Brief von der Bank für christliche Vetternwirtschaft gekommen. Die Zinsen sind doch schon wieder erhöht worden...

Jörg: Ach du Schreck! Aber ich kann da auch nichts machen, ich bin selbst knapp bei Kasse im Moment. Die Kredite für die Tierarztpraxis, das neue XL – Cabrio muß bezahlt werden, und Sabrina braucht dringend einen neuen Pelzmantel. Der alte vom letzten
Jahr ist schon total old fashioned.


Else beruhigt ihn: Aber nein, mein Junge, so war das doch gar nicht gemeint. Mache dir keine Sorgen, das kriegen wir schon irgendwie hin.

Jörg: Kann Alfred nicht noch ein bisschen was zulegen? Der verdient doch sehr gut mit seiner Künstleragentur in Wuppertal.

Else: Lieber nicht... Wir dürfen den Bogen nicht überspannen. Sonst enterbt ihn nachher noch Mutter Irene aus Wanne – Eickel.

Jörg: Ist der denn nicht sowieso schon enterbt?

Das Telefon klingelt. Else geht heran: Vogel!

Else zu Jörg: ...wenn man vom Teufel spricht.

Insertschnitt. Alfred Neukirch steht mit defektem Auto (sehr alt und abgewirtschaftet) und Pannenhelfer auf einer Landstraße. 

Alfred mit Handy: Hallo Mutter, das Auto ist kaputt, ich bin liegen geblieben.

Else am Telefon: Was denn, schon wieder?!

Alfred mit Handy: Ich nehm´ mir ein Taxi und komme nach Hause!

Else am Telefon (wird wütend): Ein Taxi?! Du hast sie ja wohl nicht mehr alle! Du nimmst gefälligst den Bus!

Else legt verärgert den Hörer auf.

Die Tür geht auf. Erwin kommt herein: ´n Abend.. Man, was bin ich müde.

Else: Zieh´ erst mal deine schmutzigen Schuhe aus, du Ferkel! Du versaust mir hier alles!

Erwin: ´tschuldigung, aber bei dem Regen war alles matschig.

Erwin zieht die Schuhe aus.

Else: Dr. Posemuckel hat angerufen, du sollst am Samstag seinen alten Swimming Pool neu fliesen.

Erwin: Ach, ich bin so fertig... Ich will mich ausruhen.

Else (wütend): An deine Familie denkst du wohl gar nicht?! Du bringst uns noch in´s Armenhaus!

Erwin (müde, leise): Ist ja schon gut, Liebes, ich sag´ ja nichts mehr

Erwin setzt sich in einen Sessel und schaltet den Fernseher ein. Else deckt den Tisch für´s Abendbrot.

Die Tür geht auf. Barbara kommt herein: Hallo Mutter, hallo ihr Anderen! Wie steht´s?

Jörg: Welche Kathastrophe willst du denn zuerst hören?

Barbara: Überrasch´ mich mal, Brüderchen!

Else lacht hämisch: Dein Göttergatte hat schon wieder das Auto kaputt gemacht, und dein Vater ist zu faul zum arbeiten.

Barbara: Also, nur das Übliche.

Die Familie setzt sich an den Tisch und isst zu Abend.

Barbara: Wo bleibt Alfred eigentlich?! Ihm wird doch wohl nichts passiert sein?

Jörg: Was soll denn mit dem schon sein?

Langsam wird es dunkel. Es klingelt an der Haustür. Alfred (Outfit: Anzug mit orangefarbener Pannenweste) steht pitschnaß davor. Else öffnet.

Alfred: Ich habe meinen Schlüssel vergessen.

Else: Wieso kommst du jetzt erst?! Hast du dich wieder irgendwo  ´rumgetrieben?!

Babara tritt hinzu (erleichtert): Ach, schön, dass du endlich da bist. Ich hab´ mir schon Sorgen gemacht.

Alfred: Ich habe versehentlich den falschen Bus genommen und bin in Radevormwald gelandet. Unterwegs bin ich eingeschlafen, da
hatte ich das gar nicht gemerkt. Zurück fuhr dann kein Bus mehr. Dann musste ich trampen...


Else tobt: Ich bin hier nur von Egoisten und Idioten umgeben!

Barbara wiegelt ab, zu Alfred: Komm´ doch erst mal herein. Sonst holst du dir noch eine Grippe.

Alfred betritt das Haus und zieht seine nasse Kleidung aus.

Else: Ich möchte mal wissen, warum ich hier eigentlich geputzt habe. Der eine kommt mit seinen verdreckten Schuhen ´rein, und der andere macht alles naß!

Jörg: Mach´ das doch so wie Jonas, der putzt überhaupt nicht.

Else: Sehr witzig!

Alfred: Mein Bruder ist gewiß ein wenig nachlässig.

Else: Ein wenig nur?! Hach! ...aber kommen wir zur Sache! Was ist mit dem Auto?! 

Alfred: Das ist hinüber. Endgültig...

Else: Wie bitte?!

Alfred: Das Auto ist schon auf dem Schrottplatz.

Else: Waaas!!?

Jörg (spottet): Das war aber ein bisschen voreilig von dir. Das Deutsche Museum interessiert sich ja schon dafür.

Alfred: Hmm.... Der Mann vom ODOC meinte, das Auto wäre nicht mehr zu reparieren.

Else: Auf solche Sprüche fällst du  ´rein?! Der will dir doch nur ein neues Auto andrehen!

Alfred: Aber der handelt doch überhaupt nicht mit Autos!

Else: ...dann kriegt er irgendeine Vermittlungsprovision!

Alfred: Aber Mutter, das Auto ist wirklich völlig kaputt.

Else: Wieso?!

Alfred: Jetzt hatte der Motor auch noch einen Kolbenfresser...

Else: Haach....

Alfred: Na ja, das Auto war aber auch schon über 20 Jahre alt und hat mehr als 600.000 km auf dem Buckel.

Jörg spottet: Sei doch froh. Keine dieser modernen Fehlkonstruktionen.

Alfred: Aber ein Bekannter will mir seinen gebrauchten BWM billig überlassen. Der ist noch prima in Schuß. Der Wagen, meine ich.

Else wird laut: Wie billig?!!

Alfred schüchtern: 2.000 EUR.

Else ringt nach Atem und scheint ohnmächtig zu werden.

Barbara (aufgeregt): Mutter!! Mutter!!

Jörg: Schnell, einen Arzt! Ach, ich bin ja Arzt.

Jörg kümmert sich um Else, die wieder zu sich kommt.

Else zu Alfred: Du bringst deine Schwiegermutter noch in´s Grab!

Barbara vorwurfsvoll zu Alfred: Du weißt, dass Mutter ein schwaches Herz hat!

Alfred: ...ja, was soll ich denn machen?

Else (wütend) zu Alfred: Ach so läuft der Hase also!! Wahrscheinlich hast du das Auto absichtlich kaputt gemacht! ...und dann muß es ausgerechnet ein BWM sein! ...aber natürlich!

Alfred stottert: Aber..., aber...

Else: Der Vwopel war dem Herrn ja schon lange nicht mehr fein genug! Versuche ja nicht, mir irgendwas vor zu machen!

Alfred: Aber Mutter!

Else: Nenn´ mich nicht Mutter!

Erwin tritt hinzu und versucht zu beschwichtigen, und zu Alfred: Du kannst erst mal mein altes Moped haben.

Alfred: Aber Schwiegervater, das brauchst du doch selbst.

Erwin: Nein, ich fahr´ schon lange nicht mehr damit. Die Bremsen sind nämlich kaputt.

Alle schauen verblüfft.
(7,5 min)