Leseprobe 1

Jonas unterhält sich sehr gern mit seiner alten Großmutter Agathe. Themen sind neben privaten Familiensachen auch oft zeitgeschichtliche Ereignisse in Röhlinghausen und anderswo.

 

SEQUENZ 6.5

In Agathes Seniorenwohnung. Jonas hatte gerade den Kühlschrank abgetaut und kommt aus der Küche heraus..

Jonas: ...aber 1948, nach der Währungsreform, ging es mit diesem Land ja wieder aufwärts.

Agathe: Wie man´s nimmt... Ich musste meinen Job bei Ruwe aufgeben, weil sich das wirklich nicht mehr gelohnt hat. Mit dem Schwarzhandel war überhaupt nichts mehr zu verdienen. Es gab ja alles wieder so zu kaufen...

Jonas: Nun, des Einen Freud, des Anderen Leid...

Agathe: ...ich saß auf einmal mit 40,-- D Mark Witwenrente auf der Straße! Stell´ dir bloß mal so was vor!

Jonas: ...und was hast du dann gemacht?

Agathe: Ich bin dann wieder zurück zu Irene gezogen und ihrem ersten Mann und hab´ mich dann da durchgefressen. Mir blieb ja nicht anderes übrig.

Jonas: ...ach ja, in unser Haus am Stadtgarten.

Agathe: „Haus“ ist ja wohl ein bisschen übertrieben. Das war nur ein Trümmerhaufen. Nur der Keller war noch da.

Jonas: ...und dann hast du als Trümmerfrau Ziegelsteine geklopft?

Agathe (entrüstet): Als Trümmerfrau?! ...Steine klopfen?! ...weißt du überhaupt, wie viel Geld die Leute damit verdient haben?! ...mit dieser schweren Arbeit?!

Jonas: Auf alle Fälle wenig.

Agathe: 1 ½ Pfennige pro Stein haben die gekriegt!!

Jonas: Au weia, das ist ja noch schlimmer als Hartz IV!

Agathe: Nee, dann hätte ich doch besser gleich meinen Job bei Ruwe behalten können.

Jonas: Aber was hast du denn dann überhaupt so gemacht?

Agathe: Ich habe mich für Irene um den Haushalt gekümmert.

Jonas: Es gab also Sagosuppe.

Agathe: Nee, gekocht habe ich eigentlich nicht. Irene mag mein Essen nicht. Ich weiß auch nicht wieso.

Jonas: Wahrscheinlich hast du dich um den Hühnerstall gekümmert.

Agathe: Bloß nicht! Ich kann Tiere im Haus nicht ab. Schon dein Großvater ist mir damit  auf die Nerven gegangen mit seinen Brieftauben und den Angora – Kaninchen.

Jonas: Aber das ist doch ein schönes Hobby.

Agathe: Von wegen! Ich wollte nie Tiere und Kinder im Haus haben.

Jonas: Aber dann hast du in den frühen 50gern doch tatsächlich noch einen netten Mann kennen gelernt.

Agathe: Woher weißt du das denn?

Jonas: Irene hatte das mal erzählt.

Agathe: Ja, das stimmt schon. Er war wirklich sehr nett. Er war Metzger.

Jonas: Na siehst du, der hätte dann Großvaters Angora Kaninchen schlachten können.

Agathe: Ach was, das war doch schon 20 Jahre vorher... Der Metzger war wirklich in Ordnung.... Aber weißt du, Männer wollen letzten Endes doch nur immer nur das Eine...

Jonas: Sex?!

Agathe: Weiß ich nicht... Soweit sind wir gar nicht gekommen... Nee, ich sollte in seiner Metzgerei aushelfen.

Jonas: Na, so schlecht wäre die Arbeit doch gar nicht gewesen...

Agathe: Ich hab´ dir doch schon vorhin gesagt, nach der Währungsreform war in der Lebensmittelbranche nichts mehr zu verdienen.

Jonas: Na ja, aber doch wenigstens etwas.

Agathe: Ich bin dann lieber bei Irene und ihrem ersten Mann geblieben. Der ist dann gestorben.

Jonas: ...kann man ja verstehen.

Agathe: Die Zeiten waren sehr hart. Aber ich war ja einigermaßen versorgt.

Jonas: Aber hast du dir denn nichts dazu verdient?

Agathe: Ach was! Arbeit muß sich lohnen, sonst arbeitet man nicht! Das sagt doch deine Partei auch immer!

Jonas: Was für eine Partei??
(3,5 min)