Der Zeitgeist der 60ger Jahre
Die Fronten prallten hart aufeinander in den 60gern. Das Wirtschaftswunder mit Ludwig Erhard war noch ungebremst, Voll-, ja sogar Überbeschäftigung prägte den Arbeitsmarkt. Doch in der Politik verhärteten sich die Fronten. Die 68ger Flower Power Generation wollte den Konsumkult und die traditionellen bürgerlichen Zwänge und Moralvorstellungen überwinden. Es zeigten sich zusehenst auch die Schattenseiten des Wohlstandes, wie etwa die Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt, die Zerstörung der Natur, und auch die Kriegsgefahr war, was der Vietnam - Krieg bewies, noch lange nicht überwunden.
Auf der anderen Seite gab es die Gegenbewegung, der Rechtsradikalismus kam wieder auf. Es war aber auch eine Polarisierung der Generationen, denn im Gegensatz zu heute fanden die Rechtsradikalen damals bei den Jüngeren kaum Anhänger. Das macht die heutige Situation gefährlicher.

 

Doch die billigen Öl- und Rohstoffpreise trieben in den 60ger Jahren den teuren Ruhrkohlebergbau in den Ruin. Importkohle aus Südafrika war trotz des langen Transportweges billiger als die heimische Ruhrkohle. Die meisten Zechen mußten geschlossen werden.

Ein Beispiel für gelungen Strukturwandel im Ruhrgebiet ist das Bochumer Opelwerk, in dem viele ehemalige Bergleute eine neue Arbeit fanden. In Bochum wurden in großen Stückzahlen die Standardmodelle, wie der Kadett, gefertigt. Der Opel Kadett war seinem Hauptkonkurrenten, dem Volkswagen Käfer, sicherlich in jeglicher Hinsicht überlegen.

Dieser Opel Kadett ist seit den frühen 70ger Jahren auf den Straßen unterwegs. Im Jahre 1965 kostete er 5.075,-- DM ab Werk Bochum, chice Weißwandreifen gab es gegen Aufpreis.




Wohin fuhr man mit dem neuen Opel Kadett?

Sehr beliebt waren schon seit den frühen 50ger Jahren die Einkaufsausflüge in die grenznahen Niederlande. Kaffee, Kakao, Zigarretten, andere Genußmittel, sowie Treibstoffe waren dort sehr viel günstiger zu bekommen als in der Bundesrepublik. Ich erinnere mich noch daran, wie ein Lloyd "Leukoplastbomber" (ähnlich wie ein Trabant) im Straßengraben lag, der mit zahlreichen kaputten Eiern bedeckt war. Für den Fahren war es sicherlich nicht so lustig...

Das Schmuggeln entwickelte sich zu einem beliebten Volkssport. Um professionelleren Banden etwas entgegensetzen zu können, setzte die Polizei einen "Bürstenporsche" ein. Der Wagen hatte vor den Reifen Besen montiert, die die Straße von Widerhaken, die Schmuggler vor den Wagen geworfen hatten um ihn abzuhängen, zu befreien.

Heute denkt natürlich keiner mehr daran, Kaffee oder gar Eier zu schmuggeln, aber die Poltiker sollten sich doch einmal überlegen, daß man den Rauschgiftschmuggel wirklich nur dann beenden kann, wenn endlich einheitliche Gesetze eingeführt werden.

 

 

Urlaub 1962 in Callantsoog / NL

Sie sehen mich hier im Alter von sieben Jahren beim Baden in der Nordsee - mit Waschbrettbauch

Zwar konnten sich in den 60ger Jahren immer mehr Menschen ein eigenes Auto leisten - der Motorradverkauf erreichte im Jahre 1966 seinen historischen Tiefpunkt -, aber auch der öffentliche Personennahverkehr wurde nach wie vor gebraucht und mußte seine Personalprobleme durch Rationalisierungsmaßnahmen lösen.

So nahm im Jahre 1965 auf der Linie Gelsenkirchen Hauptbahnhof über Ruhr - Zoo, Erle, Buer nach Horst die erste schaffnerlose Straßenbahn der Bochum Gelsenkirchener Straßenbahngesellschaft ihren Betrieb auf. Mit Schildern wie "Kasse vorn" wurden die Fahrgäste auf die Umstellung aufmerksam gemacht, aber solche Hinweise finden sich auch vereinzelt heute noch. Der Fahrplan von 1965/66 gibt weitere Tips:
Man kann aus jeder Kleinigkeit ein Problem machen...

Die Graphiken aus dem alten Fahrplan geben Auskunft, wie man in eine Straßenbahn oder Omnibus einsteigt - mal mit, mal ohne Schaffner. Das Leben ist gewiß ohnehin schon kompliziert genug...

Bild oben rechts (von 1989):
Die alten Straßenbahnen mit Schaffnerplatz blieben ohne Schaffner bis in die 90ger Jahre in Betrieb.
Sie werden sich vielleicht oft wundern,
Daß Sie mitunter wie die Flundern
Im Gang dicht beeinander stehen?
Nun, wenn die Ersten weitergehen
Und bis nach vorn zur Spitze "fließen",
Dann wird Sie das nicht mehr verdrießen.
Wir warnen Dich vor allen Dingen,
Im Fahren noch schnell aufzuspringen.
Nicht jedermann ist ein Artist;
Dein Leben Dir doch wertvoll ist!
Das Warten ist gewiß ´ne Qual;
Drum schimpf nicht auf das Personal!
Im allgemeinen, weißt Du ja:
Die Straßenbahn ist pünktlich da.
Herr Krause liebt den Pfeifenrauch,
Wer sonst noch raucht, begreift das auch.
Als Fahrgast sollte er es lassen!
Das Rauchverbot wird ihn sonst fassen.
Sag laut und deutlich mir Dein Ziel,
Halt stets das kleine Geld bereit!
Du sparst uns Müh´ und Ärger viel
Und im Betrieb kostbare Zeit.

Halt Dich gut fest im Omnibus,
Denn wenn er plötzlich bremsen muß,
Behälst Du doch Dein Gleichgewicht
Und fällst auf Deinen Nachbarn nicht.

Ob Sie mir nun glauben wollen oder nicht, aber diese Bilder und Texte entstammen tatsächlich dem Fahrplan der BOGESTRA von 1965/66. Für die Reproduktions - Genehmigung bedanke ich mir sehr herzlich bei der BOGESTRA.
Noch ein großes Lob zum Schluß: Der Schnellbus von Bochum HBf nach Hattingen kostete im Jahre 1965 zehn Pfennige Zuschlag, heute muß man hingegen nur den normalen Preis zahlen. Wer sagt da, alles wird ständig teurer?

So, mit diesen wenigen Beispielen sollten wir unseren Ausflug in die 60ger Jahre beenden. Vielleicht sind damit alte Erinnerungen wieder wach geworden. ...und bei der nächsten Fahrt mit dem Schnellbus nach Hattingen denken Sie einmal darüber nach, daß heute durchaus nicht alles schlechter ist als früher!
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