100 Jahre Gymnasium Eickel, eine persönliche Erinnerung
 

 

 

 

...so haben mich sicherlich die meisten noch in Erinnerung: Ein Bild von mir aus dem Jahre 1971 im Alter von 16 Jahren

 

Joachim Koßmann

 

Vor ein paar Wochen las ich zufällig in unserer Zeitung, daß das Gymnasium Eickel bald sein 100 jähriges Bestehen feiern kann. Nun, ich überlegte eine Zeit lang, ob sich ein Besuch der angebotenen Veranstaltungen lohnen könne, denn meine Erinnerung an die Schulzeit ist durchaus gemischt. Frühere "Tage der offenen Tür" hatte ich immer ignoriert, wahrscheinlich weil ich nicht unbedingt zu den sehr Erfolgreichen gehörte.

Außerdem mochten mich meine Mitschüler auch nicht besonders, ich war eher ein Einzelgänger und hatte über viele Jahre hinweg Kontakte gescheut. Aus heutiger Sicht weiß ich, daß das ein Fehler war, aber vielleicht haben die anderen mein Verhalten auch nur falsch interpretiert. Mein extremes Übergewicht machte mich zu einem Sonderling. Ich war schlecht im Sport und wurde gehänselt, so daß ich mich immer mehr verschloß.

War ich noch in Volksschule als Streber verschrieen, in der Regel war ich Klassenbester, ließ ich es nach ein paar Jahren im Gymnasium Eickel etwas ruhiger angehen. Eine "vier" bekam ich (meistens) ohne mich anstrengen zu müssen, und damit wird man ja schließlich auch versetzt. Die Lehrer mochten meine Verweigerungshaltung nicht. Einerseits kann ich das natürlich verstehen, aber andererseits habe ich auch keine Hilfen bekommen, die Lehrer haben es in der Regel nicht verstanden, mich zu motivieren.

Vorwürfe muß ich vor allen Dingen meinen Sportlehrern und dem Musiklehrer machen. Letzterer hatte sich gegenüber und Kindern aufgeführt wie ein Flegel - ich muß ehrlich sein und deswegen deutliche Worte verwenden! - , er war ein absoluter Kinderschreck, vor dem wir damals richtig Angst hatten. Der Musiklehrer hatte den Rest meiner Liebe zur Musik nachhaltig zerstört, eine Liebe, die ich erst Jahrzehnte später wiederentdecken sollte. So ist mir vieles im Leben entgangen.

Ich habe einen sportlichen Körper, bin aber kein Leichtathlet. Schon auf alten Kinderfotos kann man deutlich meine breiten Schultern erkennen. Kräftige Beine hatte ich schon vor der Geburt. Meine Sportlehrer hätten das sehen müssen, und ich hätte eine spezielle Förderung gebraucht. Statt dessen bekam aber jeder von uns den Einheitssport verpaßt: Immer nur Leichtathletik! Am 17. 7. 04 hatte ich bei unserem Treffen Herrn Nierhoff* wiedergetroffen und ihm stolz meinen prachtvollen Bizeps präsentiert. Heute schaffe ich mit 50ger Kurzhanteln Bankdrücken. (*Herr Nierhoff war nie mein Sportlehrer, deshalb trifft meine Kritik nicht ihn).

Bei Klassenarbeiten mußte ich immer in der ersten Reihe direkt vorn beim Lehrer sitzen, um die Sicht nach hinten zu versperren. So gesehen ist jeder zu etwas nutze.

Im Laufe der Jahre, zu Ostern 1965 wurden wir eingeschult, hatte sich jedoch vieles gebessert. Die letzten Jahre bis 1975 waren sogar richtig schön. Das Leben war freier geworden, man wurde nicht mehr so gegängelt. Der Geist der 68ger Zeit war noch frisch. Die Menschen, Jugendliche und Erwachsene, waren interessiert und engagiert. Als 1972 im Bundestag über den Mißtrauensantrag der CDU/CSU gegen Bundeskanzler Willi Brandt diskutiert wurde, holten wir uns einen alten Fernseher in den Klassenraum und verfolgten die Ereignisse gespannt mit. Die Zeit war bunt und schrill, von der heutigen Lethargie und Depression konnte man sich keine Vorstellung machen.

Doch dieser Zeitgeist bestimmt heute noch meine Lebenseinstellung, nach außen hin deutlich sichtbar dokumentiert durch meine bunten Tätowierungen, die dem Stil der Körpermalungen aus der Hippibewegung nachempfunden sind. Der Optimismus der damaligen Zeit hat mir später sehr geholfen, schwerste Lebenskrisen zu überwinden.

Am 2. Juni 1975 erhielten wir unsere Abiturzeugnisse. Herr Direktor Stuckenbrock gratulierte uns sehr herzlich, in die eine Hand drückte er uns das Zeugnis, in die andere das Grundgesetz. Das war´s. Wir wollten nicht feiern, uns war nicht danach zumute.

Es war eine Stimmung wie am Silvesterabend. Ein alter Lebensabschnitt sollte vergehen und etwas Neues kommen. Die Gefühle waren sehr stark: Freude, Hoffnung, Unsicherheit, Ängste, Neugier auf das Kommende und ein bißchen Wehmut beim endgültigen Abschiednehmen von der Kindheit. Jetzt waren wird endgültig erwachsen.

Unser aller Leben sollte sich nun ändern. Einige absolvierten ihren Wehr- oder Zivildienst, andere begannen ein Studium, eine betriebliche Berufsausbildung oder gammelten erst mal ein wenig herum. Auch ich wollte erst einmal ein ganzes Jahr lang mein Leben so richtig schön genießen und es mir so richtig gut gehen lassen, um neue Kräfte aufzutanken. Aber dann eskalierten meine Probleme immer mehr, und an der glücklichen Endlösung habe ich heute immer noch zu arbeiten... Doch bleiben wir beim Thema "Schule".

Am 16. 7. 04 sollte es so weit sein. Nach 29 Jahren betrat ich zum ersten mal wieder das alte Schulgebäude. Es war ein ganz merkwürdiges Gefühl, irgendwie hatte ich den Neubau etwas weitläufiger in Erinnerung. Die bunt bemalten Wände gab es früher nicht. Das Mobiliar ist ausgewechselt worden. In einem "Museumszimmer" waren noch einige der alten Holztische mit Auskerbungen für die Tintenfässer aufgestellt. Diese Tische wurden 1973 ausgemustert und für 1,-- DM den Schülern zum Kauf angeboten. Die Stühle kosteten 50 Pfennige. Solche Kleinigkeiten fallen mir wieder ein.

Der alte Chemiesaal existiert nicht mehr. In den Holzbänken war früher immer "SO 4" eingeritzt (= Schalke 04), ich hatte damals immer geglaubt, das wäre ein chemisches Element. Das alte Skelett im Biologiesaal ist noch vorhanden. Ich hatte mich früher immer gefürchtet, wenn uns Lehrer Gersfeld anhand dessen den Aufbau des Schädels demonstriert hatte. Auch Biologielehrerin Frau Murtin - Lütke ist unvergessen. Sie fuhr jedes Jahr für sechs Wochen zur Kur, so daß unser Unterricht ausfiel. Der Physikraum sieht heute noch genau so aus wie vor 30 Jahren - als wäre die Zeit stehen geblieben.

Am meisten hat mich jedoch das großartige Treppenhaus des Altbaus beeindruckt. Es ist ja ein richtiges Meisterstück der Architektur. Der Altbau sollte bereits 1965 abgerissen werden, jedoch wurden diesbezügliche Pläne wohl rasch verworfen. Eine merkwürdige Stimmung breitet sich aus. Wie oft bin ich vor Jahren durch diese Flure gegangen, voller Angst vor schlechten Zensuren, voller Freude über die gelungene Versetzung, oder einfach nur genervt von dem Lateinunterricht, den ich nicht mochte. Sachlich kann man die Schule nicht beurteilen, es ist sehr viel Gefühl.

Heute weiß ich, was ich damals alles falsch gemacht hatte, weiß aber auch, was an dem Schulsystem falsch war. Aber ich habe jeden Kontakt zur Schule verloren, denn ich habe keine jüngeren Geschwister oder eigene Kinder. Was wäre, wenn ich heute Kind oder Jugendlicher wäre, wie würde es mir jetzt ergehen? Haben sich nicht nur Äußerlichkeiten geändert? Die Schule hätte mir helfen müssen, ein freierer und aufgeschlossener Mensch zu werden, aber ich habe es mir später selbst erarbeitet. Man lerntn nicht nur in der Schule, man lernt immer, sein Leben lang.

Im alten Schulgebäude hatte ich keinen einzigen Bekannten wiedergetroffen. Nur noch Lehrer Wessels ist seit 1975 im Dienst, ansonsten sind alle anderen fremd. Neugierig geworden ging ich dann am folgenden Tag auch zum Treffen der Ehemaligen im Ruderverein am Rhein- Herne - Kanal. Ich staunte, daß vor allem auch viele der älteren Abitursjahrgänge aus den frühen 50ger Jahren noch erschienen waren. Ich mußte fast 1 1/2 Stunden suchen, bis ich Leute meines Jahrgangs 1975 gefunden hatte. Geredet wurde über Alltägliches, über den Vertrieb von Hundefutter und Versicherungen, aber auch über das Leben allgemein. Es gab dann ein heftiges Gewitter, und ein Mann sagte mir, der große Baum vor "unserer Schule" sei vom Blitz getroffen worden. Ja, er hat recht, es ist unsere Schule und ein Teil unserer Identität, aber vielleicht ist mir das erst jetzt so recht bewußt geworden.

Das Leben entwickelt sich weiter, die Schulzeit ist für immer vorbei. Aber man muß aus den Erlebnissen und Erfahrungen die Zukunft bauen. Ich würde mich sehr freuen, wenn unser Jahrgang im nächsten Jahr 2005 nach 30 (!) Jahren eine große Wiedersehensfeier veranstalten würde. Ich wäre gerne dabei.

Joachim Koßmann

P.S.: Ich besitze noch einen alten Schmalfilm aus der Schule von 1973/4, den ich dem Förderverein gern zum Kopieren zur Verfügung stellen würde. Wen kann ich da ansprechen?