Am 2.
Juni 1975 erhielten wir unsere Abiturzeugnisse. Herr Direktor Stuckenbrock
gratulierte uns sehr herzlich, in die eine Hand drückte er uns
das Zeugnis, in die andere das Grundgesetz. Das war´s. Wir wollten
nicht feiern, uns war nicht danach zumute.
Es war
eine Stimmung wie am Silvesterabend. Ein alter Lebensabschnitt sollte
vergehen und etwas Neues kommen. Die Gefühle waren sehr stark:
Freude, Hoffnung, Unsicherheit, Ängste, Neugier auf das Kommende
und ein bißchen Wehmut beim endgültigen Abschiednehmen
von der Kindheit. Jetzt waren wird endgültig erwachsen.
Unser
aller Leben sollte sich nun ändern. Einige absolvierten ihren
Wehr- oder Zivildienst, andere begannen ein Studium, eine betriebliche
Berufsausbildung oder gammelten erst mal ein wenig herum. Auch ich
wollte erst einmal ein ganzes Jahr lang mein Leben so richtig schön
genießen und es mir so richtig gut gehen lassen, um neue Kräfte
aufzutanken. Aber dann eskalierten meine Probleme immer mehr, und
an der glücklichen Endlösung habe ich heute immer noch zu
arbeiten... Doch bleiben wir beim Thema "Schule".
Am 16.
7. 04 sollte es so weit sein. Nach 29 Jahren betrat ich zum ersten
mal wieder das alte Schulgebäude. Es war ein ganz merkwürdiges
Gefühl, irgendwie hatte ich den Neubau etwas weitläufiger
in Erinnerung. Die bunt bemalten Wände gab es früher nicht.
Das Mobiliar ist ausgewechselt worden. In einem "Museumszimmer"
waren noch einige der alten Holztische mit Auskerbungen für die
Tintenfässer aufgestellt. Diese Tische wurden 1973 ausgemustert
und für 1,-- DM den Schülern zum Kauf angeboten. Die Stühle
kosteten 50 Pfennige. Solche Kleinigkeiten fallen mir wieder ein.
Der alte
Chemiesaal existiert nicht mehr. In den Holzbänken war früher
immer "SO 4" eingeritzt (= Schalke 04), ich hatte damals
immer geglaubt, das wäre ein chemisches Element. Das alte Skelett
im Biologiesaal ist noch vorhanden. Ich hatte mich früher immer
gefürchtet, wenn uns Lehrer Gersfeld anhand dessen den Aufbau
des Schädels demonstriert hatte. Auch Biologielehrerin Frau Murtin
- Lütke ist unvergessen. Sie fuhr jedes Jahr für sechs Wochen
zur Kur, so daß unser Unterricht ausfiel. Der Physikraum sieht
heute noch genau so aus wie vor 30 Jahren - als wäre die Zeit
stehen geblieben.
Am meisten
hat mich jedoch das großartige Treppenhaus des Altbaus beeindruckt.
Es ist ja ein richtiges Meisterstück der Architektur. Der Altbau
sollte bereits 1965 abgerissen werden, jedoch wurden diesbezügliche
Pläne wohl rasch verworfen. Eine merkwürdige Stimmung breitet
sich aus. Wie oft bin ich vor Jahren durch diese Flure gegangen, voller
Angst vor schlechten Zensuren, voller Freude über die gelungene
Versetzung, oder einfach nur genervt von dem Lateinunterricht, den
ich nicht mochte. Sachlich kann man die Schule nicht beurteilen, es
ist sehr viel Gefühl.
Heute
weiß ich, was ich damals alles falsch gemacht hatte, weiß
aber auch, was an dem Schulsystem falsch war. Aber ich habe jeden
Kontakt zur Schule verloren, denn ich habe keine jüngeren Geschwister
oder eigene Kinder. Was wäre, wenn ich heute Kind oder Jugendlicher
wäre, wie würde es mir jetzt ergehen? Haben sich nicht nur
Äußerlichkeiten geändert? Die Schule hätte mir
helfen müssen, ein freierer und aufgeschlossener Mensch zu werden,
aber ich habe es mir später selbst erarbeitet. Man lerntn nicht
nur in der Schule, man lernt immer, sein Leben lang.
Im alten
Schulgebäude hatte ich keinen einzigen Bekannten wiedergetroffen.
Nur noch Lehrer Wessels ist seit 1975 im Dienst, ansonsten sind alle
anderen fremd. Neugierig geworden ging ich dann am folgenden Tag auch
zum Treffen der Ehemaligen im Ruderverein am Rhein- Herne - Kanal.
Ich staunte, daß vor allem auch viele der älteren Abitursjahrgänge
aus den frühen 50ger Jahren noch erschienen waren. Ich mußte
fast 1 1/2 Stunden suchen, bis ich Leute meines Jahrgangs 1975 gefunden
hatte. Geredet wurde über Alltägliches, über den Vertrieb
von Hundefutter und Versicherungen, aber auch über das Leben
allgemein. Es gab dann ein heftiges Gewitter, und ein Mann sagte mir,
der große Baum vor "unserer Schule" sei vom
Blitz getroffen worden. Ja, er hat recht, es ist unsere Schule
und ein Teil unserer Identität, aber vielleicht ist mir
das erst jetzt so recht bewußt geworden.
Das Leben
entwickelt sich weiter, die Schulzeit ist für immer vorbei. Aber
man muß aus den Erlebnissen und Erfahrungen die Zukunft bauen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn unser Jahrgang im nächsten
Jahr 2005 nach 30 (!) Jahren eine große Wiedersehensfeier veranstalten
würde. Ich wäre gerne dabei.
Joachim
Koßmann
P.S.:
Ich besitze noch einen alten Schmalfilm aus der Schule von 1973/4,
den ich dem Förderverein gern zum Kopieren zur Verfügung
stellen würde. Wen kann ich da ansprechen?