Erlebte Zeitgeschichte:
3. 10. 1990: Der Anschluß der DDR

Liebe Leserinnen und Leser,

beim Aufräumen meiner Wohnung - hin und wieder muß das auch mal sein - fand ich in einem alten Schnellhefter einen Aufsatz, den ich nunmehr vor fast 20 Jahren über den soeben erfolgten Anschluß der DDR geschrieben hatte.

Vielleicht ist es interessant, den Originaltext von damals zu lesen und darüber nachzudenken, ob und in wie Weit die damaligen Ängste und Hoffnungen in Erfüllung gegangen sind.

Joachim Koßmann

 

5. 10. 1990

Ich schreibe den Bericht über den Anschluß der DDR erst heute, da ich damit gleichzeitig die neue Schreibmaschine ausprobieren will, die ich heute morgen gekauft habe. Muß mich natürlich erst an dieses Gerät gewöhnen, denn im Vergleich zur alten Maschine ist das ja doch ein hochkompliziertes Gerät. Der Neukauf einer Schreibmaschine war schon notwendig, denn nach 16 Jahren Betriebsdauer taugte die alte Schreibmaschine nun wirklich nichts mehr. Genug der Worte, jetzt komme ich endlich zum Thema...

Ich habe immer gesagt, dass es zwei schlimme Kathastrophen geben könnte. Die zweitschlimmste wäre der Beitritt der Türkei zur EG, die schlimmste wäre jedoch die deutsche Wiedervereinigung. Zu einer Wiedervereinigung ist es jedoch nicht gekommen, offiziell wird der Begriff "Beitritt zur Bundesrepublik" verwendet. Der Begriff "Anschluß" wird tunlichst vermieden, da er an die entsprechende Nazi Bezeichnung für den 1938ger Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich erinnert. Nach meinem Sprachgefühl bedeutet jedoch beides ein und dasselbe. Na ja, ich habe mich ja schon ausführlich über die innenpolitische Situation der DDR nach den Volkskammerwahlen im März diesen Jahres geäußert, dem ist eigentlich nichts Neues hinzuzufügen.

Wie sah nun dieser Tag der neuen deutschen Einheit aus? Zum ersten mal war der dritte Oktober Feiertag. Der 17. Juni wird ab dem nächsten Jahr als Feiertag abgeschafft. Das ist also der neue "Tag der deutschen Einheit". Der Tag war für mich wie ein ganz normaler anderer Feiertag auch. Es herrschte plötzlich überraschend gutes Wetter. Machte daher vormittags auf meiner Wanderung zunächst einmal Aufnahmen von dem alten Gasometer bei der VEBA direkt neben der Autobahn. Hatte den früher sicherlich schon öfter fotografiert, aber erst kürzlich hatte ich durch Zufall entdeckt, dass man ihn auch sehr viel besser von der Fußgängerbrücke, die über die Autobahn führt, fotografieren kann. In der letzten Zeit hatte ich immer sehr viel Pech mit dem Wetter dabei gehabt. Dieser Herbst ist bislang eine arge Enttäuschung. Na ja, dafür war der Sommer guter Durchschnitt. Erledigte dann noch mal kurz in den Sträuchern da mein Geschäft und ging dann weiter Richtung Stadtmitte.

Dort sollte um 11.30 uhr vor dem Rathaus die große Feier für die Bürger stattfinden. Vorher hatte es schon eine entsprechende Feier für den Stadtrat im Rathaus gegeben. Auch unser Magistrat ist ja sehr rührig in Sachen Vereinigung gewesen. Herne hatte die Städtepartnerschaft mit der DDR Stadt Eisleben übernommen. Dadurch sollte sehr viele deutsch deutsche Entwicklungsarbeit übernommen werden.

Vor dem Rathaus war dann die obligatorische Bratwurstbude, ein kleines Kinderkarussel und das Spielmobil "Tobedüse" von der Stadt Herne aufgebaut. Für genügend Remmi Demmi war dann also gesorgt. Das Heitkamp* Blasorchester war aufgefahren. (*Anmerkung: Die Fa. Heitkamp Bauunternehumg war der größte Arbeitgeber in der Stadt Wanne - Eickel). Es brachte aber nur unverfängliche Melodien der üblichen Art zur Intonation. Das Rathaus war natürlich beflaggt, was jedoch sonst nur der Fall ist, wenn jemand gestorben ist. Ich machte ein paar Fotos.

Brachte dann die Spiegelreflexkamera in den Abstellraum und holte die Super 8 Schmalfilmkamera von da ab, die ich dort am Tage zuvor deponiert hatte, denn dieses "historische" Ereignis wollte ich unbedingt in Film und Bild festhalten. Zwei Kameras mitzuschleppen wäre natürlich zu umständlich gewesen. Machte dann also noch ein paar Super 8 Aufnahmen.

Voll wurde es auf dem Rathausplatz schon, aber wenn ich daran denke, was los war, als die Bundesrepublik die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hatte, da war jetzt der Jubel doch sehr verhaltender. Damals hatten Fußballfans nächtelang auf den Straßen gefeiert. Autokorsos mit wehenden Fahnen aus dem Fenstern gehalten fuhren durch die Stadt. Jetzt war von alledem nichts mehr zu spüren. Es herrschte verhaltende Feiertagsstille. Das ausnahmsweise sehr schöne Wetter an diesem Tag nutzten sehr viele Leute für einen Ausflug ins Grüne. Von einer nationalistischen Hysterie war also zum Glück keine Rede. Irgendwie war das ein komisches, ganz schauriges Gefühl, als ich da vor dem Rathaus stand. Es war eine ganz melancholische Stimmung, so ähnlich wie an Silvester.

Ich habe die DDR immer für ein Ärgernis gehalten, aber seitdem sie nicht mehr existiert, trauere ich ganz ehrlich der guten alten Zeit nach, als Ulbricht noch regierte. Honnecker hat ja nichts getaugt, der Mann war ja viel zu weich. Eine recht gute Stimmung konnte an diesem Tag nicht aufkommen. Ich glaube eher, die meisten waren nur die Leute, die grundsätzlich überall hingehen, wo irgendwas los ist. Am Rande der Menge stand ein Zeitungsverkäufer mit der "Roten Fahne" in der Hand. Der gute Mann konnte einem fast leid tun. Er wirkte doch wie ein exotisches Element in der Menge.

Der Sozialismus ist nun besiegt, jetzt muß die Religion auch noch drankommen. Die ganze Athmospäre war so unwirklich. Glaube, dass viele doch mit einer gewissen Beklemmung in die Zukunft sehen. Nach der veröffentlichten Meinung freuten sich ja "alle" darüber. Aus der ganzen Welt wurden Glückwunschtelegramme der Bundesregierung übersandt. Lediglich die Israrelis waren etwas ehrlicher und äußerten sich distanziert. Alle anderen machten jedoch gute Mine zum bösen Spiel. Für uns Altbundesbürger wird sich hingegen fast nichts ändern. Die Ex - DDRler sind natürlich sehr viel stärker betroffen, denn sie übernehmen ja unser gesamtes System mit all seinen Vorteilen und Schwächen, also leider auch das Nichtvorhandensein der Trennung von Staat und Kirche. Dennoch, der Anschluß der DDR kann nur gelingen, wenn er von der Bevölkerung mitgetragen wird. Daher wäre es ein Gebot des politischen Anstandes gewesen, wenn auch die Bevölkerung die Gelegenheit bekommen hätte, in einem Plebiszit über den Anschluß abzustimmen. Da dieses leider nicht der Fall war, werde ich mich bei allen künftigen nationalen Wahlen meiner Wählerstimme enthalten. Ich lasse mich von niemanden mehr zum Narren machen, nicht vom Staat, der Partei oder sonstwem. Diese Zeiten sind ein für allemal vorbei.

Wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, würde ich von hier auswandern. Aber eine Auswanderung wäre mit dermaßen vielen Problemen verbunden, dass es für mich völlig unmöglich wäre, sie zu lösen. Ich weiß schon jetzt kaum noch, wo mir der Kopf steht. So werde ich wohl oder übel hier bleiben. Sollte sich jedoch irgendwann einmal eine realistische Chance ergeben, werde ich sie auf jeden Fall nutzen.

Die Bundesrepublik hat jetzt 79 Millionen Einwohner, die Überbevölkerung ist dennoch leicht zurückgegangen, da die Bevölkerungsdichte der DDR etwas geringer ist als die der Bundesrepublik. Dennoch, wer will denn da schon wohnen? Mich kriegen nach wie vor keine zehn Pferde in dieses Land, mit den Leuten von da will ich absolut nichts zu tun haben. Die deutsche Frage hätte nur im Rahmen einer Europäischen Union gelöst werden dürfen, so dass dann die drei deutschen Staaten zu Mitgliedsstaaten der Europäischen Union werden. Die Grenzen zwischen unseren Ländern würden dann zu Grenzen wie etwa zwischen Californien und Nevada, und dagegen könnte ja wohl niemand etwas haben.

Die vorhandenen guten Möglichkeiten zur Lösung der deutschen Frage sind also nicht genutzt worden. Wie wird es sich nun weiterentwickeln? Wenn der Anschluß seriös finanziert wird, ist er durchaus ohne Steuererhöhungen machbar. Nach einer kurzen, aber durchaus normalen Durststrecke wird sich die Bundesrepublik zu dem zweitmächtigsten Land der Erde entwickeln. Sicherlich nicht in militärischer Hinsicht, aber darauf kommt es ja auch gar nicht an. Schon jetzt war die alte Bundesrepublik dominierent in wirtschaftlicher Hinsicht in Europa. Die DDR Bürger sind relativ arbeitsam, fleißig, bescheiden und vor allem auch gut motiviert, da sie ja die einzigen Nutznießer des Anschlusses sind. All diese Eigenschaften treffen auf mich zu wie die berühmte Faust aufs Auge, meine Chancen, überhaupt jemals einen Beruf zu bekommen werden dadurch noch wesentlich geringer werden.

Ich vertrete da nun gewiß keine untypische Einzelmeinung. Immer mehr Leute sehen heute die Problematik des Anschlusses nüchterner. Früher war die Wiedervereinigung nur ein Thema für Sonntagsreden. Damals galt es geradezu als Sakrileg, wenn man dagegen war. "Wie kann man denn nur so reden, unsere armen Landsleute in der Ostzone!" Ich habe die DDRler nie als Landleute betrachtet. Die DDR war für mich immer ein Land wie Polen oder die Tschechoslowakei. Einen Sonderweg und eine bevorzugte Behandlung für die DDR lehne ich ab. Wichtiger ist es jetzt die europäische Einigung voran zu treiben, um den Schaden, der durch den Anschluß der DDR entstanden ist, zu begrenzen. Ich habe mich immer als Europäer gefühlt. Es ist klar, dass Europa nicht an der Elbe aufhört. Aber die Integration der osteuropäischen Länder in die EG und hoffentlich baldige Europäische Union sollte erst dann erfolgen, wenn in diesen Ländern vergleichbare Lebensverhältnisse herrschen wie bei uns. Man lernt ja schon in der Schule, dass man nicht Äpfel und Birnen addieren kann. In der Tat, wir erleben zur Zeit echte Zeitgeschichte. Ich werde mich mit diesem Thema noch einmal ausführlich am Jahrende beschäftigen.

 

Bilder oben: Der Trabant, hier noch mit alter DDR Nummer, ein ganz altes Modell, vermutlich aus den 1960ger Jahren

Das letztgebaute Trabant Modell, etwas moderner, aber immer noch mit Zweitaktmotor. Die allerletzten "Trabbis" hatten dann einen Viertakter von Volkswagen. Das Auto trägt noch eine alte DDR Nummer.

Der Wartburg, neueres Modell, 3 Zylinder Zweitakt, das Auto der DDR für etwas gehobene Ansprüche. Wieder mit DDR Nummer.

Der Wartburg, ein sehr altes modell, vermutlich aus den frühen 1960ger Jahren. Noch mit DDR Nummer.

Auch auf der Schiene tat sich etwas im Ruhrgebiet. Lokomotiven der DDR Reichsbahn waren häufig im Einsatz, sie wurden nach Gründung der Deutschen Bahn AG umgetitelt. Diese Lokomotive trägt aber noch das alte Zeichen "DR" für "Deutsche Reichsbahn".

 
 
 
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