Brachte dann die Spiegelreflexkamera in den Abstellraum und holte die Super 8 Schmalfilmkamera von da ab, die ich dort am Tage zuvor deponiert hatte, denn dieses "historische" Ereignis wollte ich unbedingt in Film und Bild festhalten. Zwei Kameras mitzuschleppen wäre natürlich zu umständlich gewesen. Machte dann also noch ein paar Super 8 Aufnahmen.
Voll wurde es auf dem Rathausplatz schon, aber wenn ich daran denke, was los war, als die Bundesrepublik die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hatte, da war jetzt der Jubel doch sehr verhaltender. Damals hatten Fußballfans nächtelang auf den Straßen gefeiert. Autokorsos mit wehenden Fahnen aus dem Fenstern gehalten fuhren durch die Stadt. Jetzt war von alledem nichts mehr zu spüren. Es herrschte verhaltende Feiertagsstille. Das ausnahmsweise sehr schöne Wetter an diesem Tag nutzten sehr viele Leute für einen Ausflug ins Grüne. Von einer nationalistischen Hysterie war also zum Glück keine Rede. Irgendwie war das ein komisches, ganz schauriges Gefühl, als ich da vor dem Rathaus stand. Es war eine ganz melancholische Stimmung, so ähnlich wie an Silvester.
Ich habe die DDR immer für ein Ärgernis gehalten, aber seitdem sie nicht mehr existiert, trauere ich ganz ehrlich der guten alten Zeit nach, als Ulbricht noch regierte. Honnecker hat ja nichts getaugt, der Mann war ja viel zu weich. Eine recht gute Stimmung konnte an diesem Tag nicht aufkommen. Ich glaube eher, die meisten waren nur die Leute, die grundsätzlich überall hingehen, wo irgendwas los ist. Am Rande der Menge stand ein Zeitungsverkäufer mit der "Roten Fahne" in der Hand. Der gute Mann konnte einem fast leid tun. Er wirkte doch wie ein exotisches Element in der Menge.
Der Sozialismus ist nun besiegt, jetzt muß die Religion auch noch drankommen. Die ganze Athmospäre war so unwirklich. Glaube, dass viele doch mit einer gewissen Beklemmung in die Zukunft sehen. Nach der veröffentlichten Meinung freuten sich ja "alle" darüber. Aus der ganzen Welt wurden Glückwunschtelegramme der Bundesregierung übersandt. Lediglich die Israrelis waren etwas ehrlicher und äußerten sich distanziert. Alle anderen machten jedoch gute Mine zum bösen Spiel. Für uns Altbundesbürger wird sich hingegen fast nichts ändern. Die Ex - DDRler sind natürlich sehr viel stärker betroffen, denn sie übernehmen ja unser gesamtes System mit all seinen Vorteilen und Schwächen, also leider auch das Nichtvorhandensein der Trennung von Staat und Kirche. Dennoch, der Anschluß der DDR kann nur gelingen, wenn er von der Bevölkerung mitgetragen wird. Daher wäre es ein Gebot des politischen Anstandes gewesen, wenn auch die Bevölkerung die Gelegenheit bekommen hätte, in einem Plebiszit über den Anschluß abzustimmen. Da dieses leider nicht der Fall war, werde ich mich bei allen künftigen nationalen Wahlen meiner Wählerstimme enthalten. Ich lasse mich von niemanden mehr zum Narren machen, nicht vom Staat, der Partei oder sonstwem. Diese Zeiten sind ein für allemal vorbei.
Wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, würde ich von hier auswandern. Aber eine Auswanderung wäre mit dermaßen vielen Problemen verbunden, dass es für mich völlig unmöglich wäre, sie zu lösen. Ich weiß schon jetzt kaum noch, wo mir der Kopf steht. So werde ich wohl oder übel hier bleiben. Sollte sich jedoch irgendwann einmal eine realistische Chance ergeben, werde ich sie auf jeden Fall nutzen.
Die Bundesrepublik hat jetzt 79 Millionen Einwohner, die Überbevölkerung ist dennoch leicht zurückgegangen, da die Bevölkerungsdichte der DDR etwas geringer ist als die der Bundesrepublik. Dennoch, wer will denn da schon wohnen? Mich kriegen nach wie vor keine zehn Pferde in dieses Land, mit den Leuten von da will ich absolut nichts zu tun haben. Die deutsche Frage hätte nur im Rahmen einer Europäischen Union gelöst werden dürfen, so dass dann die drei deutschen Staaten zu Mitgliedsstaaten der Europäischen Union werden. Die Grenzen zwischen unseren Ländern würden dann zu Grenzen wie etwa zwischen Californien und Nevada, und dagegen könnte ja wohl niemand etwas haben.
Die vorhandenen guten Möglichkeiten zur Lösung der deutschen Frage sind also nicht genutzt worden. Wie wird es sich nun weiterentwickeln? Wenn der Anschluß seriös finanziert wird, ist er durchaus ohne Steuererhöhungen machbar. Nach einer kurzen, aber durchaus normalen Durststrecke wird sich die Bundesrepublik zu dem zweitmächtigsten Land der Erde entwickeln. Sicherlich nicht in militärischer Hinsicht, aber darauf kommt es ja auch gar nicht an. Schon jetzt war die alte Bundesrepublik dominierent in wirtschaftlicher Hinsicht in Europa. Die DDR Bürger sind relativ arbeitsam, fleißig, bescheiden und vor allem auch gut motiviert, da sie ja die einzigen Nutznießer des Anschlusses sind. All diese Eigenschaften treffen auf mich zu wie die berühmte Faust aufs Auge, meine Chancen, überhaupt jemals einen Beruf zu bekommen werden dadurch noch wesentlich geringer werden.
Ich vertrete da nun gewiß keine untypische Einzelmeinung. Immer mehr Leute sehen heute die Problematik des Anschlusses nüchterner. Früher war die Wiedervereinigung nur ein Thema für Sonntagsreden. Damals galt es geradezu als Sakrileg, wenn man dagegen war. "Wie kann man denn nur so reden, unsere armen Landsleute in der Ostzone!" Ich habe die DDRler nie als Landleute betrachtet. Die DDR war für mich immer ein Land wie Polen oder die Tschechoslowakei. Einen Sonderweg und eine bevorzugte Behandlung für die DDR lehne ich ab. Wichtiger ist es jetzt die europäische Einigung voran zu treiben, um den Schaden, der durch den Anschluß der DDR entstanden ist, zu begrenzen. Ich habe mich immer als Europäer gefühlt. Es ist klar, dass Europa nicht an der Elbe aufhört. Aber die Integration der osteuropäischen Länder in die EG und hoffentlich baldige Europäische Union sollte erst dann erfolgen, wenn in diesen Ländern vergleichbare Lebensverhältnisse herrschen wie bei uns. Man lernt ja schon in der Schule, dass man nicht Äpfel und Birnen addieren kann. In der Tat, wir erleben zur Zeit echte Zeitgeschichte. Ich werde mich mit diesem Thema noch einmal ausführlich am Jahrende beschäftigen.